Nachhaltiges Bauen

Wertsteigerung durch Nachhaltigkeit: Alles über DGNB-Zertifikate für Immobilien

Warum DGNB-zertifizierte Gebäude einen höheren Wiederverkaufswert haben. Zertifizierungsstufen, ökologische Kriterien und was Investoren beachten müssen.

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Redaktion
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Nachhaltigkeit als Werttreiber am Immobilienmarkt

Der Immobilienmarkt erlebt einen Paradigmenwechsel: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr, sondern ein harter Wirtschaftsfaktor. Zertifizierte Gebäude erzielen nachweislich höhere Mietpreise, geringere Leerstände und bessere Verkaufserlöse als nicht zertifizierte Vergleichsobjekte. Was vor zehn Jahren noch als Marketing-Gag belächelt wurde, ist heute ein entscheidendes Kriterium in der professionellen Immobilienbewertung.

Im Zentrum der Nachhaltigkeitsbewertung in Deutschland steht die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit ihrem international anerkannten Zertifizierungssystem. Was einst als idealistisches Siegel begann, ist heute ein messbarer Wertfaktor in der Immobilienbewertung – und zunehmend eine Voraussetzung für institutionelle Investoren, Fondsmanager und börsennotierte REITs.

Die Zahlen belegen den Trend: Laut einer Studie von JLL erzielen DGNB-Gold-zertifizierte Bürogebäude im Durchschnitt 6-12 % höhere Mietpreise und weisen eine um 3-5 Prozentpunkte niedrigere Leerstandsquote auf als vergleichbare nicht zertifizierte Objekte. In einem Markt, in dem jeder Prozentpunkt Rendite zählt, ist das ein signifikanter Wettbewerbsvorteil.

Das DGNB-Zertifizierungssystem verstehen

Ganzheitlicher Ansatz: Mehr als nur Energie

Anders als viele internationale Systeme betrachtet die DGNB Nachhaltigkeit nicht eindimensional, sondern bewertet Gebäude anhand von sechs gleichgewichteten Qualitäten:

QualitätGewichtungBeispielkriterien
Ökologische Qualität22,5 %Ökobilanz, Trinkwasserbedarf, Biodiversität
Ökonomische Qualität22,5 %Lebenszykluskosten, Flächeneffizienz, Wertstabilität
Soziokulturelle Qualität22,5 %Thermischer Komfort, Innenraumluft, Barrierefreiheit
Technische Qualität22,5 %Brandschutz, Schallschutz, Rückbaubarkeit
Prozessqualität10 %Integrale Planung, Bauprozess, Inbetriebnahme
StandortqualitätBonusInfrastruktur, Mikroklima, ÖPNV-Anbindung

Dieser ganzheitliche Ansatz ist ein Alleinstellungsmerkmal der DGNB: Während andere Systeme primär die Umweltwirkung bewerten, bezieht die DGNB ausdrücklich die Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus und die Qualität für die Nutzer gleichwertig mit ein. Ein Gebäude, das zwar energieeffizient ist, aber schlecht geplante Arbeitsplätze bietet, wird nicht mit Platin ausgezeichnet.

Die Zertifizierungsstufen

Das DGNB-System vergibt vier Auszeichnungsstufen, abhängig vom erreichten Gesamterfüllungsgrad:

StufeErfüllungsgradBedeutung
Platin≥ 80 %Herausragende Nachhaltigkeit in allen Bereichen
Gold≥ 65 %Überdurchschnittliche Leistung, hoher Standard
Silber≥ 50 %Gute Nachhaltigkeitsperformance, solide Basis
Bronze≥ 35 %Einstiegsstufe, grundlegende Anforderungen erfüllt

Praxiswert: Für institutionelle Investoren und ESG-konforme Portfolios ist Gold die De-facto-Mindestanforderung. Bei Neubauten streben ambitionierte Bauherren zunehmend Platin an – nicht nur aus Überzeugung, sondern weil die Marktprämie die Mehrkosten rechtfertigt.

Eine detaillierte Übersicht über alle Bewertungskriterien und die Anforderungen für jede Stufe finden Investoren und Planer direkt auf der offiziellen Website: Kriterien für nachhaltiges Bauen und Zertifizierung. Die Plattform bietet neben den Kriterienkatalogen auch Schulungsangebote und ein Verzeichnis akkreditierter Auditoren.

Warum DGNB-Zertifikate den Immobilienwert steigern

1. Geringere Betriebskosten

Zertifizierte Gebäude sind in der Regel energieeffizienter, wasserärmer und wartungsoptimiert:

  • Energiekosten: 20-40 % niedriger als bei konventionellen Gebäuden durch optimierte Gebäudetechnik und Hülle
  • Wasserverbrauch: 15-30 % reduziert durch effiziente Sanitärtechnik und Regenwassernutzung
  • Instandhaltung: Planbar und optimiert durch qualitätsgesicherte Bauausführung und dokumentierte Wartungskonzepte

Über einen Betrachtungszeitraum von 30 Jahren summieren sich die geringeren Betriebskosten auf 100.000 bis 500.000 € bei einem mittelgroßen Bürogebäude – ein Betrag, der die Zertifizierungskosten um ein Vielfaches übersteigt.

2. Höhere Mieteinnahmen

Mieter – insbesondere Unternehmen mit eigenen ESG-Zielen und Nachhaltigkeitsberichten – sind bereit, für nachhaltige Flächen einen Aufpreis zu zahlen. Die sogenannte „Green Premium" beträgt je nach Markt und Zertifizierungsstufe 4-15 % auf die Kaltmiete. Großunternehmen berücksichtigen die Gebäudezertifizierung zunehmend in ihrem Scope-3-Reporting und bevorzugen zertifizierte Standorte gegenüber konventionellen Alternativen.

3. Geringeres Leerstandsrisiko

Nachhaltige Gebäude sind zukunftssicherer und attraktiver für Mieter. Das Risiko des sogenannten „Stranded Asset" – einer Immobilie, die aufgrund schlechter Energieeffizienz unvermietbar oder unverkäuflich wird – sinkt erheblich. Angesichts verschärfter EU-Regulierung (EPBD, Taxonomie) droht nicht zertifizierten Gebäuden in den kommenden Jahren ein beschleunigter Wertverlust.

4. Bessere Finanzierungskonditionen

Banken und Finanzierer bieten zunehmend Green Loans und Sustainability-Linked Loans an, die für zertifizierte Gebäude günstigere Zinsen vorsehen. Die Differenz kann 0,1-0,3 Prozentpunkte betragen – bei großen Darlehensvolumina ein erheblicher finanzieller Vorteil über die gesamte Kreditlaufzeit.

5. ESG-Compliance und Taxonomie

Für institutionelle Investoren, Fonds und REITs ist die EU-Taxonomie-Konformität ein zentrales Kriterium. DGNB-zertifizierte Gebäude erfüllen viele der Taxonomie-Anforderungen und erleichtern das ESG-Reporting erheblich. Die Offenlegungsverordnung (SFDR) und die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) zwingen Investoren zur transparenten Berichterstattung – zertifizierte Gebäude liefern die notwendigen Daten.

Der Zertifizierungsprozess: Ablauf und Kosten

Projektphasen der Zertifizierung

  1. Registrierung: Anmeldung des Projekts bei der DGNB (bereits in der Planungsphase möglich und empfohlen)
  2. Vorzertifikat (optional): Bewertung auf Basis der Planungsunterlagen – ein starkes Signal an Investoren, Banken und potenzielle Mieter
  3. Planungsbegleitung: DGNB-Auditor begleitet den Planungsprozess und prüft die Kriterienerfüllung in jeder Leistungsphase
  4. Zertifizierung: Nach Fertigstellung wird das Gebäude anhand der tatsächlichen Ausführung bewertet und das finale Zertifikat vergeben
  5. In-Use-Zertifizierung (optional): Regelmäßige Nachprüfung im laufenden Betrieb, um die tatsächliche Performance zu dokumentieren

Kosten der Zertifizierung

KostenpositionGrößenordnung
DGNB-Registrierungsgebühr3.000 – 8.000 €
DGNB-Zertifizierungsgebühr5.000 – 15.000 €
Auditor-Honorar15.000 – 80.000 € (projektabhängig)
Evt. Zusatzgutachten (LCA, LCC)5.000 – 20.000 €
Gesamtkosten (typisch)30.000 – 120.000 €

Wirtschaftliche Einordnung: Bei einem Bürogebäude mit 5.000 m² Mietfläche und einem Bauvolumen von 15 Mio. € machen die Zertifizierungskosten weniger als 1 % der Baukosten aus – der langfristige Wertzuwachs durch höhere Mieten, geringere Betriebskosten und bessere Finanzierungskonditionen übersteigt diese Investition um ein Vielfaches.

Wer ist der DGNB-Auditor?

Der Auditor ist ein unabhängiger, von der DGNB akkreditierter Fachmann, der den gesamten Zertifizierungsprozess begleitet. Er fungiert als Schnittstelle zwischen Planungsteam und DGNB und stellt sicher, dass die Nachhaltigkeitsziele systematisch verfolgt werden. Ein erfahrener Auditor bringt zudem wertvolles Know-how aus vergleichbaren Projekten ein und kann das Planungsteam frühzeitig auf Optimierungspotenziale hinweisen.

DGNB vs. internationale Systeme

KriteriumDGNBLEED (USA)BREEAM (UK)
HerkunftDeutschlandUSAGroßbritannien
FokusGanzheitlich, LebenszyklusEnergie, UmweltUmwelt, Management
LebenszyklusbetrachtungJa (zentral)TeilweiseTeilweise
Ökonomische BewertungJa (gleichgewichtet)NeinBegrenzt
Verbreitung DACHStarkModeratGering
Internationale AkzeptanzWachsendHochHoch
KostenModeratModeratModerat bis hoch

Der DGNB-Vorteil: Das System ist speziell auf den deutschen und europäischen Markt zugeschnitten, berücksichtigt lokale Normen, Bauvorschriften und Klimadaten und legt besonderen Wert auf die ökonomische Lebenszyklusbetrachtung – ein Aspekt, der für Investoren besonders relevant ist. Wer international agiert, kann bei Bedarf zusätzlich eine LEED- oder BREEAM-Zertifizierung anstreben – die DGNB bietet hierfür Synergien, da viele Nachweise für mehrere Systeme verwendbar sind.

Welche ökologischen Kriterien erfüllt sein müssen

Ökobilanz (Life Cycle Assessment)

Jedes zertifizierte Gebäude muss eine Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus vorweisen – von der Rohstoffgewinnung über die Nutzungsphase bis zum Rückbau. Bewertet werden unter anderem:

  • Treibhauspotenzial (kg CO₂-Äquivalent) – der zentrale Klimaindikator
  • Primärenergiebedarf (erneuerbar und nicht erneuerbar)
  • Versauerungspotenzial und Eutrophierungspotenzial der verwendeten Materialien
  • Abiotischer Ressourcenverbrauch – wie stark werden endliche Rohstoffe beansprucht?

Materialwahl und Schadstofffreiheit

  • Schadstoffarme Baustoffe: Strenge Grenzwerte für VOC-Emissionen, Formaldehyd und Schwermetalle
  • Recyclingfähigkeit: Hoher Anteil recycelter und recycelbarer Materialien wird belohnt
  • Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft: FSC- oder PEFC-Zertifizierung als Mindestanforderung

Wasser und Biodiversität

  • Trinkwasserverbrauch minimieren: Regenwassernutzung, Grauwasserrecycling, wassersparende Armaturen
  • Flächenversiegelung reduzieren: Dach- und Fassadenbegrünung als bewerteter Beitrag zur Biodiversität
  • Biodiversitätskonzept: Nisthilfen, heimische Bepflanzung und Insektenhabitate fließen positiv in die Bewertung ein

DGNB im Bestand: Das Zertifikat für bestehende Gebäude

Neben Neubauten bietet die DGNB auch Zertifizierungen für bestehende Gebäude an – ein wachsendes Segment, da der Großteil des deutschen Gebäudebestands vor dem Jahr 2000 errichtet wurde und dringend modernisiert werden muss:

  • Gebäude im Betrieb: Bewertung der tatsächlichen Performance im laufenden Betrieb anhand von Verbrauchsdaten und Nutzerzufriedenheit
  • Sanierung: Spezifische Kriterien für energetische und bauliche Modernisierung, die den Bestandscharakter berücksichtigen
  • Quartierszertifizierung: Ganzheitliche Bewertung ganzer Stadtquartiere – besonders relevant für Projektentwickler größerer Areale

Der ESG-Aspekt für Bestandshalter

Für Eigentümer großer Portfolios ist die DGNB-Zertifizierung des Bestands ein strategisches Instrument:

  • CRREM-Analyse: Identifikation von Gebäuden mit Stranded-Asset-Risiko und Entwicklung gezielter Sanierungsstrategien
  • Taxonomie-Konformität: Strukturierter Nachweis der EU-Taxonomie-Anforderungen für bestehende Gebäude
  • Carbon Risk Assessment: Bewertung der CO₂-Risiken im Portfolio und Ableitung konkreter Dekarbonisierungspfade

Praxisbeispiel: DGNB-Zertifizierung eines Bürogebäudes

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht den Mehrwert der Zertifizierung:

Ausgangssituation

  • Projekt: Neubau eines Bürogebäudes mit 4.000 m² Mietfläche in einer deutschen Großstadt
  • Bauvolumen: 12 Mio. € netto
  • Zertifizierungsziel: DGNB Gold
  • Zertifizierungskosten: 65.000 € (< 0,6 % der Baukosten)

Ergebnis nach 3 Jahren Betrieb

KennzahlKonventionelles GebäudeDGNB Gold
Kaltmiete/m²14,50 €/m²16,20 €/m² (+12 %)
Leerstandsquote8 %2 %
Energiekosten/m²/Jahr28 €/m²18 €/m² (– 36 %)
Mieterfluktuation15 %/Jahr6 %/Jahr
Jährlicher Mietmehrertragca. 82.000 €

Die Zertifizierungskosten von 65.000 € haben sich in diesem Fall bereits nach weniger als einem Jahr durch höhere Mieteinnahmen und geringeren Leerstand amortisiert. Über die Gesamtlebensdauer des Gebäudes ergibt sich ein finanzieller Vorteil von mehreren Millionen Euro.

DGNB für Wohngebäude: Auch für Eigenheimbesitzer relevant

Die DGNB hat ihr Zertifizierungssystem in den letzten Jahren gezielt auf Wohngebäude und kleinere Projekte ausgeweitet. Das System „Neubau Kleine Wohngebäude" richtet sich explizit an Einfamilien- und Doppelhäuser.

Vorteile für private Bauherren

  • Qualitätssicherung: Die Zertifizierung fungiert als externe Qualitätskontrolle und stellt sicher, dass die Bauausführung den Planungsvorgaben entspricht
  • Gesünderes Wohnen: Strenge Anforderungen an Innenraumluftqualität und Schadstofffreiheit schützen die Gesundheit der Bewohner – besonders relevant für Familien mit Kindern
  • Wertstabilität: Bei einem späteren Verkauf ist das Zertifikat ein dokumentierter Qualitätsnachweis, der das Vertrauen potenzieller Käufer stärkt
  • Zukunftssicherheit: Zertifizierte Gebäude erfüllen bereits heute die Standards, die in 10-15 Jahren voraussichtlich gesetzlich gefordert werden

Kosten für ein Einfamilienhaus

Die Zertifizierungskosten für ein Einfamilienhaus liegen deutlich unter denen für große Gewerbeprojekte:

  • DGNB-Gebühren: ca. 2.000 – 4.000 €
  • Auditorhonorar: ca. 5.000 – 15.000 €
  • Gesamtkosten: ca. 7.000 – 20.000 € (je nach Projektumfang und Zertifizierungsstufe)

Bei einem Bauvolumen von 350.000 € für ein Einfamilienhaus entspricht das weniger als 3-6 % – eine Investition, die sich durch die höhere Bauqualität und die Wertstabilität langfristig rechnet.

Checkliste: DGNB-Zertifizierung für Ihr Projekt

  • Projektziele definieren: Welche Zertifizierungsstufe wird angestrebt?
  • DGNB-Auditor frühzeitig einbinden (idealerweise ab Leistungsphase 1-2)
  • Projekt bei der DGNB registrieren
  • Integrale Planung sicherstellen (alle Fachplaner an einem Tisch)
  • Ökobilanz und Lebenszykluskostenberechnung beauftragen
  • Schadstoffkonzept für Baustoffe erstellen
  • Monitoring-Konzept für die Betriebsphase entwickeln
  • Budget für Zertifizierung im Gesamtprojektplan einplanen

Fazit: Nachhaltigkeit rechnet sich

Die DGNB-Zertifizierung ist kein Selbstzweck – sie ist ein strategisches Investment, das sich messbar auszahlt. In einer Welt, in der ESG-Compliance, EU-Taxonomie und Carbon Risk die Immobilienbewertung zunehmend bestimmen, ist ein Nachhaltigkeitszertifikat kein Bonus mehr, sondern eine Versicherung gegen Wertverlust.

Die drei wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Für Investoren: DGNB-Zertifikate schützen vor dem Stranded-Asset-Risiko und verbessern die Portfolio-Performance nachweislich.
  2. Für Bauherren: Die Mehrkosten der Zertifizierung (unter 1 % der Baukosten) werden durch höhere Mieteinnahmen und geringere Betriebskosten rasch amortisiert.
  3. Für Nutzer: Zertifizierte Gebäude bieten nachweislich besseren Komfort, gesündere Innenraumluft und niedrigere Nebenkosten – Faktoren, die sich positiv auf Produktivität und Wohlbefinden auswirken.

Tipp der Redaktion: Auch für Wohngebäude und kleinere Projekte bietet die DGNB inzwischen angepasste Zertifizierungssysteme an. Informieren Sie sich, ob eine Zertifizierung für Ihr Bauprojekt sinnvoll ist – der Mehrwert zeigt sich oft erst beim Wiederverkauf, wenn ein zertifiziertes Gebäude im direkten Vergleich mit konventionellen Objekten deutlich besser abschneidet.

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